Predigt an die Infantinnen

Mein Name ist Philipp Schmickl. Ich komme von der Grenze wo ich einige Jahre lang neben dem Eisernen Vorhang aufgewachsen bin. Als Jugendlicher bin ich in der Jazzgalerie Nickelsdorf in die Lehre gegangen. Als Erwachsener habe ich DIE ANDEREN studiert. Vor sechs Jahren habe ich gemeinsam mit Karin Weinhandl THEORAL gegründet, oder THE ORAL. Ich weiß noch immer nicht, wie man es richtig ausspricht. Oder besser: Ich weiß es nicht mehr.

Obwohl hier sehr viele wissen, was ich tue, möchte ich doch ganz kurz darauf eingehen, was THEORAL eigentlich ist. Der Untertitel lautet : oral music histories and interesting interviews. Das fasst es schon einmal gut zusammen. Wir produzieren oral history einer Szene, die aber nach allen Seiten und für alle Seiten offen ist und der zweite Teil des Untertitels lautet “interesting interviews” und bezieht sich auf die Gespräche, die nicht vordergründig mit der Musik zu tun haben. Dazu gehören das Gespräch mit Andre Gingrich, Ethnologe, Mira Sidawi, Schauspielerin, Nicole Brooks, Reisende, Alberte Pagán, Filmemacher, Andrew Choate, poet. Die Gespräche mit den Musikerinnen und Musikern beziehen sich aber nicht ausschließlich auf deren Musik. Denn die Kunst – so steht es auf der THEORAL-Website – steht immer in Beziehung mit dem Sozialen und dem Politischen. Das Private und das Öffentliche sind ineinander verwoben. Das fügt diese “philosophischen Biographien”, die durch unsere Arbeitsweise entstehen, in einen historisch-politisch-sozialen Kontext. Zitat Ende. So weit eine kleine Charakterisierung.

Das erste Buch, THEORAL NO. 1, erschien am 1. April 2011. Der erste Satz des ersten Vorwortes endet mit den Worten : – and now I am going to step into my eternity. Ich dachte damals, dass ich dieses Unterfangen THEORAL mein ganzes Leben lang fortführen könne. Das denke ich noch immer. Und mir ist bewusst geworden, was ich anfangs nur ahnte, nämlich : Das Bücher machen ist nicht das Schwierige. Das Leben ist das Schwierige.

Das ist auch der Gegenstand jedes einzelnen Buches. Eine der grundlegenden, aber nie direkt formulierten, Fragestellungen lautet : Wie ist es unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen möglich, das zu tun, wozu man sich hingezogen fühlt? Da geht es nicht nur um Musik oder um Kunst. Das hat sehr viel mit Selbsterkenntnis und Selbstreflexion zu tun. Und DIESE Reflexionen sind der Meta-Inhalt von THEORAL. Was dann konkret dabei herauskommt, welche Gedanken formuliert werden und in welcher Art und Weise, ist vom jeweiligen Individuum abhängig.

Das erste Vorwort endet mit den Worten : – as my friend from Cracuv said : Keep up the spirit and the dreaming!

Das ist oft nicht einfach. Im Vorwort Nummer 3 bereits schreibe ich : “Die Arbeit für das Geld, das ich zum Leben brauche, macht es mir manchmal schwer, mich auf meine eigentliche Arbeit zu konzentrieren.” Zitat Ende. Mit “eigentliche Arbeit” meine ich THEORAL. Mein Geld zum Leben verdiente ich in jenen Tagen in einer Galerie in der Schleifmühlgasse beziehungsweise im Lager der Galerie. Eines Tages, nicht lange bevor Nummer 5 herauskam (das war im Juli 2012), telefonierte ich mit Paul Lovens wegen dem Buch Nummer 3, das wir gemeinsam gemacht hatten. Er beschloss das Telefonat mit folgenden Worten : “Mach nicht zu viel, und nur das Gute.” Seither denke ich darüber nach. Was ist zu viel? Was ist zu wenig? Was ist das Gute?

Ab Nummer 5, das Gespräche mit Mazen Kerbaj und Jim Denley beinhaltet, kam es häufiger vor, dass ich unsere Bücher auch in die USA und nach Australien verschickte. Bisweilen bekam ich E-Mails aus aller Welt. Einmal sogar eine Postkarte von Nicolas Humbert aus München. Das hat nicht aufgehört, es kommt eigentlich immer häufiger vor.

Das Wissen um die einzelnen physischen, papierenen Bücher, die auf die ganze Welt verstreut sind, erzeugt eine gewisse vorläufige Zufriedenheit. Das heißt, die Bücher stehen in Regalen, oder noch besser : sie liegen auf Tischen oder Fensterbrettern in Wohnungen oder noch viel besser : jemand liest eines in einer Wohnung und Besucher der Wohnungen sehen den Rücken oder das Cover und sagen: “Oh, what is this?” oder “C’est quoi ça?”

Letztes Jahr in Berlin kam ich in einer Wohnung unter, in der drei oder vier THEORALS im Regal standen : gelesen, teilweise zerfleddert und es waren Markierungen gemacht und Notizen reingeschrieben. Das nenne ich eine richtige Verwendung.

Trotz all dem, denke ich aus mehreren externen Gründen daran, jetzt einmal aufzuhören. Als ich diesen Gedanken unlängst für mich selbst formuliert hatte, was nicht einfach war, hörte ich von einem Freund, dass vielleicht eine Zusammenarbeit mit einem französischen Verlag möglich sei. Und am Tag darauf bekam ich bekam folgendes E-Mail von einer Bekannten, die letzte Woche zum ersten Mal eines unserer Bücher gelesen hat :

ich habe bis gestern nicht im theoral gelesen,
und dann,
nicht mehr aufgehört 🙂

ich finde die gespräche sehr anregend und inspirierend,
haben mir mut gemacht

mich in meinen vorhaben und “mitten-drinnen-sein” irgendwie bekräftigt
danke. finde deine arbeit sehr wertvoll.

Das ist eine exemplarische Reaktion. Genau so soll es sein. Wir wollen die Leute auch außerhalb der Szene erreichen.

Im Vorwort zu Nummer Zen steht, und das hat auch mit meinen wiederkehrenden Zweifeln zu tun, ob ich THEORAL fortführen kann : “Wenn ich also wirklich über das Aufhören nachdenke, muss ich eine solche Idee gleich wieder verwerfen, vor allem das Aufhören aufgrund der Umstände. Vielmehr, denke ich, muss ich gegen die Umstände weitermachen, gegen die Ordnung, weiter navigieren – navegar é preciso ! – mit diesem Schiff, mit dieser Konstanten, die ich mir in einer Notiz einmal als Quelle, aus der man Mut schöpfen soll, beschrieben habe, in der man unbeugsames Wissen findet, zeitloses Wissen und zeitlose Fragen im Gegensatz zu (kon)temporärem Wissen und (kon)temporären Fragen, Wahrhaftigkeit anstatt Propandastischem.” Zitat Ende.

Diesen Begriff des “unbeugsamen Wissens” konnte ich dank Michel Foucault dann später sogar wissenschaftlich oder philosophisch begründen beziehungsweise untermauern. Das werde ich jetzt aber nicht vorlesen. Es steht im THEORAL Nummer 13.

Was kann ich also zu diesem Buch sagen? Es ist NICHT entstanden, weil das soziale Klima und die Kunstförderung in Wien oder Österreich so etwas begünstigt. Nein, das Buch – wie fast alle vorhergehenden Nummern und wie viele andere gute Dinge, Initiativen, Orte, etc. – ist es TROTZ der gesellschaftlichen und ökonomischen Drangsalierungen entstanden.

Ich habe es gerne gemacht. Lieber als vieles andere. Wie bei allen Büchern habe ich viel gelernt – bei den Gesprächen selbst und beim Editieren, oder anders gesagt, inhaltlich und sprachlich. Ich habe Angélica und Burkhard besser kennengelernt. Es war ernst und es war lustig. Aber Anekdoten rund um die Entstehung des Buches können wir uns dann in der Pause erzählen.

Am besten ist es natürlich, die Gespräche zu lesen. Wer sich das Buch leisten kann, soll dies tun, wer nicht, dem oder der sei gesagt : Es gibt alle auf der Universität für Musikwissenschaft Wien und auf der Nationalbibliothek, einige in der Wienbibliothek, fast alle an der Kunstuni Linz, an der Bruckner Universität Linz und am Mozarteum in Salzburg zum Ausborgen beziehungsweise zum dort lesen.

Bevor ich jetzt noch auf die momentane Situation von THEORAL eingehe, die mit meiner persönlichen Situation zusammengewachsen ist, beziehungsweise sich noch nie von mir gelöst hat, mache ich lieber einen SATZ nach nach vorne und bedanke mich bei Angélica und Burkhard, dass sie dieses Buch mit mir gemeinsam gemacht haben.

Ich bedanke mich bei Gisela Linschinger fürs Lektorat. Ich danke dem Peter Kutin, für die Bereitschaft heute zu spielen. Dem Throbbing Grisi für das Ragout. Dem Nikolaus für den Samba und Bossa. Dem Noid für den Sound. Dem Herbie fürs Ausfsperren. Euch allen fürs Zuhören und ganz besonders der Karin, der wir die Schönheit der Bücher verdanken.

One day everything will be as it should be. Albert Ayler

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